Großstreik im Verkehrssektor: Medien legen ihre Parteilichkeit offen 

Ja, das Land steht noch. Keine Monsterstaus, kein Verkehrschaos. Wovor die deutsche Medienlandschaft in Waffenbrüderschaft mit den deutschen Arbeit“geber“verbänden seit Tagen gewarnt hat, wovon sie Horrorszenarien an alle Wände gemalt haben ist schlicht und ergreifend nicht eingetreten. 

Schon kurz nachdem ver.di und EVG ihren Großstreik für Montag angekündigt hatten, begann das, was nur als politisch mediale Kampagne beschrieben werden kann, um jeden Versuch, die zusammenschrumpfte Streikkultur in Deutschland wiederzubeleben, im Keim zu ersticken. Und nicht nur konservative Medien oder die Bildzeitung beteiligten sich daran. Auch die Öffentlich-Rechtlichen, die ja immer darauf bedacht sind zumindest ausgewogen zu wirken, auch wenn sie das nicht sind, haben diesmal auch darauf anscheinend nicht mehr allzu viel Wert gelegt. Die Tagesschau schaffte es, uns direkt am Tag nach der Ankündigung mit einem Artikel mit dem Titel “Bevölkerung ‘nicht in Geiselhaft’ nehmen” aufzuklären. Darin kommen nicht einer, nicht zwei, sondern gleich sechs Chef*innen verschiedener Wirtschafts- und Arbeit”geber”verbände zu Wort. Anscheinend sind diese plötzlich ganz in große Sorgen um das Wohlergehen der Bevölkerung. “Verantwortungslos” seien die Streiks. Wie verantwortungslos die Tarifangebote von Arbeit”geber”seite sind, wird natürlich nicht erwähnt. 

Doch bei den Sorgen bleibt es nicht. Karin Welge, Präsidentin der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände, bekam am nächsten Tag von der Tagesschau direkt einen Exklusivartikel. Darin wird sie nicht nur kurzerhand zur “Kommunalpräsidentin” befördert. Ein Begriff, der bis vor wenigen Tagen in den Weiten des Internets, einer kurzen Googlerecherche zufolge genau einmal genutzt wurde. Und zwar nicht im Zusammenhang mit Karin Welge. Aber “Kommunalpräsidentin” hört sich soviel besser an als “Präsidentin der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände”. Soviel besser sogar, dass sich die Tagesschau anscheinend dazu entschied gar nicht zu erwähnen, dass sie die Arbeit”geber” vertritt. Man könnte ja auch sonst den Verdacht hegen, dass sie gar nicht aus gesundem Menschenverstand und als Anwältin der kleinen Leute darüber berichtet, dass viele Bürger “das nicht mehr als Warnstreiks erkennen” könnten, sondern, dass sie ein Interesse hat die Streiks zu diffamieren. 

Die Berichterstattung der letzten Tage hat das erneut gezeigt, was in der aktuellen Zeit mit multiplen Krisen immer offensichtlicher wird, aber schon immer gestimmt hat. Es gibt keine neutrale Berichterstattung. Das bedeutet nicht, dass das, was berichtet wird, falsch ist. Aber es bedeutet, dass von der Auswahl was berichtet wird, über die Auswahl von Gesprächspartner*innen, über die Wortwahl bis zur Bebilderung der Artikel alles einen Einfluss auf das Berichtete hat. Das alles hat Einfluss darauf, wie noch so “objektive” Berichterstattung wahrgenommen wird. Und all das wird auch bewusst oder unbewusst von den Journalist*innen beeinflusst, und zwar vor allem durch ihre eigenen Vorstellungen und Sichtweisen auf die Dinge. Leider aber stellen sich große Medienhäuser immer wieder als rein “objektiv” dar, oder gar “Ideologielos”. Tatsächlich aber gibt es die reine Objektivität oder eine Ideologielosigkeit nicht. Nur weil die kapitalistische Moderne, seit dem Ende des Kalten Krieges dies versucht in die Köpfe der Menschen zu hämmern ist es noch lange nicht wahr. Vielleicht sind die ideologischen Unterschiede heute nicht mehr so offensichtlich, weil die Konfrontation nicht mehr die gleiche ist. Dennoch haben alle Menschen eine Ideologie, aus der sich ihr Denken und Handeln ableitet, ob sie das wollen oder nicht. 

Die vermeintlich objektive Berichterstattung darf also niemals, als solche einfach akzeptiert werden. Auch sie bedarf kritischen Hinterfragens und Beobachtung, sei es beim Streik, bei der “Zeitenwende” oder welchem Thema auch immer.

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