Leipzig vor Tag-X: Vom Stadtteilabend zum Feuertanzfest

Entspannt begann der Abend in Leipzig Connewitz. Aufgrund des Verbots der Tag-X-Demonstration am Samstag war zum “Massencornern” im Herzen des linken Stadtviertels aufgerufen worden. Und dabei blieb es auch zunächst. Auf dem Wiedebachplatz sammelten sich ab 20 Uhr immer mehr Menschen, die meisten von ihnen in ausgelassener Stimmung. Bis 22 Uhr wuchs die Menge auf etwa 1000 Menschen an, weiterhin ohne, dass es zu irgendwelchen nennenswerten Vorkommnissen kam. Die Polizei, die seit Tagen vor den Aktionen rund um den Tag-X gewarnt hatte, ließ sich auf dem Platz selbst so gut wie nicht blicken, stand aber in den Seitenstraßen bereit. Nur ein zwei Mal fuhr sie am Platz vorbei und stellte kurz ein bis zwei Wannen ab, nur um dann wieder wegzufahren. 

Ab 22 Uhr machten dann sowohl auf Twitter als auch in der Menge die Information die Runde, die Polizei sammele sich zunehmend in der Umgebung. Wohl als Reaktion darauf begannen einzelne Grüppchen der Menschen auf dem Platz die zahlreichen Baustellen rund um den Wiedebachplatz zu Barrikaden umzubauen und die Zufahrten damit zu sperren. In der Nähe geparkte Polizeiwägen wurden angegriffen und mit Steinen beworfen. Die sich so entwickelnde Sponti, hatte zunächst kein genaues Ziel, bewegte sich erst Richtung Connewitzer Kreuz und sperrte den Weg mit brennenden Barrikaden ab, zog sich dann wieder zurück um die von Norden kommenden Polizeieinheiten abzuwehren. Diese hatten einige Probleme, sich den Weg zum Wiedebachplatz zu bahnen und setzte dabei mehrfach Tränengasgeschosse ein. Als sie schließlich den Platz erreichten, kamen auch aus anderen Richtungen Polizeieinheiten hinzu und räumten den Platz recht schnell von Ost nach West leer. Die Demonstrierenden wichen in die Seitenstraßen aus und sammelten sich neu. Die einzigen, die bis nach 23 Uhr auf dem Platz blieben, waren vereinzelte Grüppchen vor Spätis, sowie Personen, die Musik laufen ließen und im Licht der brennenden Barrikaden dazu tanzten. In der Folge entspannte sich die Situation zunächst. Richtung Norden und damit Innenstadt hatte die Polizei ein Großaufgebot zusammengezogen, daher blieb es in dieser Richtung ruhig.

In der entgegengesetzten Richtung sammelten sich aber auf der Bornaischen Straße und den Seitenstraßen die Gruppen erneut und errichteten auch dort brennende Barrikaden, um das Vorrücken der Polizei zu verhindern. Um etwa halb 12 war diese auf einer Länge von 300 Metern Südlich vom Wiedebachplatz aus verbarrikadiert. Neben den Demonstrierenden, die weiter auch Steine und Flaschen einsetzten, und der Polizei, die teils sichtlich nervös die Seitenstraßen einzeln freiräumte, tummelten sich dazwischen auch mehr und mehr Schaulustige, die in ihrer Sympathie deutlich nicht auf der Seite der Polizei standen.

Etwa eine Stunde später waren aber auch die Straßenzüge südlich des Wiedenbachplatzes wieder mehr oder weniger menschenleer, die letzten Barrikaden wurden geräumt. Daraufhin zog sich dann auch die Polizei Richtung Connewitzer Kreuz zurück, wo sie auf der Karl Liebknecht Straße den Abend über Dutzende Polizeiautos stehen hatte. Zum Schluss flammten am Wiedebachplatz doch noch einmal schon gelöschte Barrikaden wieder auf, wurden aber von den Umstehenden oder der Polizei wenig beachtet.

Der Vorabend des Tag-X kann also getrost als genau das verbucht werden. Die Polizei war vorbereitet und hätte sie sich aus Connewitz ganz rausgehalten, wäre es wohl nicht zu den Auseinandersetzungen gekommen, die wir so gesehen haben. Aber auch all jene, die dem Aufruf zum Cornern gefolgt sind, waren vorbereitet und – deutlich wichtiger – bereit, sich der Polizei zu widersetzen, bevor diese auf den Platz vorgedrungen war.

Was für den Samstag zu erwarten ist, lässt sich daraus nicht ableiten, gezeigt hat sich aber eindeutig die Bereitschaft zur Konfrontation.

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